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Äthiopien - Teil 2

Nach fünf Tagen in Addis wird es Zeit in Richtung Kenia weiterzufahren. Es sind ca. 1200 Kilometer bis nach Nairobi, davon gute 520 Kilometer in Kenia nur "Piste". Hinter Addis wird es echt bergig und sehr heiss. Ich fahre dem Rift Valley (afrikanischer Graben) entlang, welcher sich 6000 Kilometer vom Toten Meer bis nach Mosambik erstreckt. Es wird eine anstrengende Tour, ein stetiges Bergauf und Bergab, um schliesslich ein paar Höhenmeter zu gewinnen. Aber die traumhafte Landschaft entschädigt einen für die Strapazen. Ich fahre durch Obst- (Erdbeeren, Mangos, Ananas, Papaya, Guavas) und Kaffeeplantagen. Es ist auf meiner Tour bis jetzt der landschaftlich schönste Teil. Leider werden die einheimischen Kinder immer aufdringlicher, ich mag die "YOU, YOU, YOU", "MONEY, MONEY, MONEY", "PEN, PEN, PEN", "HIGHLAND, HIGHLAND, HIGHLAND" (das ist die Marke von dem Wasser in der Pet-Flasche) schon gar nicht mehr hören. Es begleitet mich, sobald ich das Hotel verlassen habe bis ich am Abend beim nächsten Hotel ankomme. Ich vermeide es deshalb, samstags und sonntags zu fahren, weil dann auch noch die halbe (vielleicht auch die komplette) äthiopische Bevölkerung auf der Strasse ist und mich wie einen Ausserirdischen betrachtet. Die Menschen können einen mit riesigen Augen stundenlang anstarren. Man könnte gar meinen, ich sei der erste weisse Mensch in Äthiopien. Es ist zudem schwer nachvollziehbar, was die Menschen dazu bringt, so hysterisch in der Tonlage von 5- bis 16-Jährigen zu schreien - schrill und ohne Unterbruch. Es versteht sich, dass es am schlimmsten ist, wenn 15 Kinder gleichzeitig das Gleiche brüllen...

Ich versuche mich auf die herrliche Landschaft zu konzentrieren. Meine Erfahrungen mit den Einheimischen bekomme ich aber leider von allen Reisenden bestätigt. Ich fahre nun nicht wie geplant in das Omo Valley, um den bekannten Mursi-Stamm zu besuchen (verheiratete Frauen tragen einen Teller in der Oberlippe), sondern rausche zügig nach Kenia. Schade.

Die Hotels und Restaurants werden auch immer frecher, was die Preise betrifft. Ich muss teilweise als "Ferengi" das Dreifache mehr bezahlen als ein Ansässiger. Dass ich als Fremder mehr bezahle als ein Einheimischer habe ich zwar in allen Ländern erlebt, nur der Multiplikationsfaktor hier in Äthiopien ist einzigartig. Ein Hotelier erklärte mir, er müsse in Europa als Ausländer auch mehr zahlen als ein Europäer. Erklärungsnotstand...!

Etwa 300 Kilometer vor der Grenze zu Kenia wird es ruhig und sehr angenehm beim Fahren. Ich besuche eine "singing well". Das sind teilweise Jahrhundert alte Brunnen, die tief in das Erdreich gegraben worden sind. Die Einheimischen schöpfen auf einer Leiter stehend das Wasser in Eimern an die Oberfläche, wo Kühe zum Weitertransport des Wassers bereitstehen. Dabei wird gesungen - deswegen "singing well". Unterwegs schenkt mir das Militär Energie-Biskuits, die wirklich satt machen. Ich habe mir sagen lassen, dass alle Militärs so etwas haben.

Wie im Sudan wird hier viel an neuen Strassen gearbeitet. Die Arbeiter sind meistens Chinesen und Japaner (alles Spenden !). Ein einheimischer Strassenbau-Ingenieur sagte mir, dass die Chinesen es beherrschen würden, schlechte Qualität zu höheren Preisen zu verkaufen. Als einziges Land der Welt lebt Äthiopien noch nach dem julianischen Kalender (aus der Zeit von Julius Caesar). Es gibt hier 13 Monate (12 mal 30 Tage, und 1 mal 5 Tage). Der julianische hinkt unserem gregorianischem Kalender um 7 Jahre und 8 Monate hinterher. Äthiopien feiert das Millenium also erst am 10./11. September 2007. Der Tag beginnt nach äthiopischer Zählung um 6 Uhr europäischer Zählung, das heisst 6:00am in Europa ist 12:00 noon in Äthiopien. Wenn man Termine macht, muss man immer nachfragen nach welcher Zeitrechnung.

Ein nettes äthiopisches Sprichwort lautet: "Die Europäer haben die Uhr, wir dagegen haben die Zeit."

Auf dem Weg nach Kenia gibt es in den Dörfern nur beschränkt Wasser und Strom. Ich dusche teilweise mit einem Eimer Wasser. Die Landschaft wird steppenartig und unwirtschaftlich. Das zieht sich bis 250 Kilometer vor Nairobi hin. Es wird sehr heiss und deswegen bin ich gezwungen mittags Pausen einzulegen - ohne Kinder...

Nach 700 Kilometern erreiche ich Moyale die Grenzstadt zu Kenia und verabschiede mich von einem wunderschönen Land mit ziemlich gemischten Gefühlen. Äthiopien hat so viele interessante Gegenden und Kulturen, die es wert sind, das Land zu besuchen. Wären da nicht - aber lassen wir das...

Das war's aus Äthiopien. Ich fahre jetzt die Pistenstrasse in Richtung Nairobi, mal schauen was mich dort erwartet. Ich werde immer wieder vor der Kriminalität in Kenia gewarnt.

P.S. Ich habe unterwegs noch zwei neue, deutsche Wörter kennengelernt:
1. Schiebewind (Rückenwind)
2. unplattbar (Veloreifen)  

 

Bilder aus Äthiopien

Die Fahrt durch Kenia

 

Die Route durch Äthiopien:



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