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Äthiopien - Teil 1

Was ich erwartet habe, tritt nun ein: hinter der äthiopischen Grenze gibt es nur noch Schotterstrasse vom Feinsten, lockerer und festgefahrener Schotter mit kindskopfgrossen Steinen. Ich fahre von 800 auf 1'850 Höhenmeter bis Gonder. Es werden 160 Kilometer mit 3'250 Höhenmetern (in ca. zwei Jahren soll die Strasse auch geteert sein, die Arbeiten haben schon angefangen?). Der schlichte Wahnsinn und ich beginne mich erneut zu fragen, warum ich so eine Tour mache. Schon im Grenzort Metema merke ich den Unterschied zwischen den arabischen Ländern und Äthiopien: die Menschen tragen Hosen und Kleider, keine Verschleierungen und Gabadire mehr. Im Ort sehe ich auch gleich die erste Bierreklame. Im "Love and Peace Hotel" bekomme ich ein Zimmer, das ca. 3 Quadratmeter gross ist und nur ein Bett und sonst nichts enthält. Extrem spartanisch. Den ersten Hunger stille ich mit dem Nationalgericht "Injera", welches ein Teig aus Tef ist, der auf einem ca. 50 cm grossen, runden Blech mit Fleisch und Saucen serviert wird. Injera gibt es nur in Äthiopien und die Menschen essen es zum Frühstück, zum Mittagessen und am Abend. Das sind ja leckere Aussichten, und ich hatte mich auf meine erste Pasta gefreut. Ich erfahre, dass es an den Fastentagen Mittwoch und Freitag kein Fleisch gibt, sondern Gemüse. An Fastentagen erhält man auch keinen Macchiato wegen der Milch. Ich muss mich gedulden bis Gonder, wo mich dann der kulinarische Schock erwartet: Pasta, Fleisch, Macchiato - alles was das Herz begehrt, ich bleibe gleich drei Tage! Gonder ist eine von den drei "ancient cities" (Gonder, Axum und Lalibela) im Norden von Äthiopien und es gibt dort eine alte Burg und Kirchen zu besichtigen. Hier treffe ich auch die ersten Reisenden aus Nord und Süd. Es gibt viel zu erzählen und Tipps auszutauschen. Ich fahre nach Bahir Dar an den Lake Tana, wo ich die Nilmündung und die Nilfälle besichtige, die Kloster auf dem See sind ebenfalls sehenswert.

Unterwegs mache ich die ersten Bekanntschaften mit Steine werfenden Kindern. Mittlerweile weiss ich, dass das Steinwerfen zum Leben der Äthiopier gehört. Die Älteren werfen Steine nach den Kindern, diese werfen sie nach den Kühen, Ziegen und nach allem, was läuft und natürlich auch nach Einheimischen, Autos und Velofahrern. Die Zielsicherheit ist übrigens aufgrund der jahrelangen Übung nicht schlecht. Auf flachen Abschnitten kann ich Gas geben, schlimm wird es, wenn es bergauf geht. Ich versuche es mit einem freundlichen "Hallo", aber es hilft nur wenig. Überall wo ich anhalte, werde ich sofort von den einheimischen Kindern umringt und nach "pen" und "money" gefragt. Die Kids sprechen teilweise recht gut Englisch und so machen wir Spässe bis ich weiterfahre. Sie geniessen in ihrer Abgeschiedenheit jede Abwechslung und so ist ein "Frengi" (Ausländer) sehr willkommen. Wenn es zu viele Kinder werden, kommen Ältere vom Dorf und vertreiben diese mit Steinewerfen. Auf der anderen Seite haben sie bei starken Steigungen Mitleid mit mir und versuchen mich gemeinsam den Berg hochzuschieben, das endet meistens mit einem gemeinsamen Lachen und einem Stück "Schoggi". Es gibt auch den Langstreckenläufer-Nachwuchs, der mich zum Training benutzt, teilweise laufen die jungen Burschen barfuss auf dem Schotter kilometerlang neben mir her...Wahnsinn! Wenn sie dann "chio" rufen und zum Abschied winken, halte ich an und biete ihnen Wasser an, das sie aber immer dankend ablehnen.

Von Bahir Dar bis Addis Abeba fahre ich durch das äthiopische Hochland (bis 3000 m.ü.M.) und geniesse die ersten grünen Felder und Wälder (fast wie im Berner Oberland). Die grösste Herausforderung beim Velofahren sind die plötzlich auftauchenden Tierherden (Ochsen, Kühe, Ziegen, Schafe und Esel). Ich muss immer wieder anhalten und die Karawanen vorbeilassen. Die Landwirtschaft wird mit Werkzeugen betrieben, die ich zum letzten Mal in einem Museum bei uns gesehen habe. Das Gleiche gilt für den Strassenbau, es werden kaum Maschinen eingesetzt, die tonnenschweren Basaltsteine werden am Strassenrand mit einem Hammer so klein geschlagen bis sie klein genug sind zum Verarbeiten. Frauen machen die Schwerarbeit und tragen die Steine in grossen Körben kilometerweit. Ich werde auch zu jener äthiopischen Kaffeezeremonie eingeladen (Äthiopien ist das Land, aus dem der Kaffee kommt). Die Bohnen werden in einer Pfanne auf einem Holzkohlefeuer geröstet (riecht toll!) und dann in einem Mörser zerstampft und später mit heissem Wasser in einer Kanne in kleinen chinesischen Tassen serviert. Es werden immer drei Tassen getrunken. Die Kaffeezeremonie ist ein fester Bestandteil des äthiopischen Lebens und ich werde öfters dazu eingeladen. Überhaupt sind die Äthiopier sehr freundliche Leute, nicht aufdringlich, aber sehr hilfsbereit, wenn man sie etwas fragt. Im Gegensatz zu den vorher bereisten Ländern ist Englisch hier sehr verbreitet und man kann abends beim Bier sehr gute Gespräche führen. Äthiopien ist einzigartig unter den 52 Ländern in Afrika; das einzige christliche Land. Es hatte nie eine Kolonialherrschaft (Liberia auch nicht) und der Haarwuchs (Frau und Mann) ist wie bei uns Europäern, sie wachsen so lang bis man sie schneidet. Es ist ein sehr stolzes Volk, stolz auf ihre Kultur, die keiner zu zerstören schaffte.

In den ländlichen Gegenden sieht man aber sehr viel Armut, die Kinder sind dreckig und laufen in Lumpen herum, auch sehr viele Kranke und Verkrüppelte säumen meinen Weg. Sie betteln auf der Strasse, ich sehe zum ersten mal Elefantenfüsse (Elephantiosis). Dabei handelt es sich um eine Krankheit, verursacht durch einen Wurm, der sich in die Füsse frisst und das Bein samt Fuss so anschwellen lässt, dass es wie ein Elefantenfuss aussieht. Es gibt noch keine Heilung dieser schrecklichen Krankheit. Auf der Strecke nach Addis treffe ich unwahrscheinlich viele Autos mit dem Emblem einer Hilfsorganisation an, sie fahren meistens mit klimatisierten, teuren Landcruisern an mir vorbei. In Debre Makros treffe ich ein Team der GTZ (Gesellschaft technischen Zusammenarbeit Deutschland), das dort den Bau eines Uni Campus leitet. Die Leute zeigen mir die Baustelle, wo mal 10'000 Studenten wohnen sollen. Wir wohnen im gleichen Hotel und geniessen eine tollen Abend - merci vielmals!

Vor Addis erlebe ich zusammen mit meinem "Frischluft Tour" die bisher härteste Strecke der ganzen Tour, die Nilschlucht. Es geht 1000 Höhenmeter gröbste Schotterpiste hinunter (20 Kilometer) und auf der anderen Seite die gleiche Strecke wieder hoch. Ein Pickup der Schweizer Organisation SELAM in Addis hat Mitleid mit mir und bringt mich bis zur Teerstrasse. In Addis angekommen, erwartet mich eine moderne afrikanische Stadt, die alles zu bieten hat, was das Herz begehrt: Cordon Bleu, Hamburger, Pasta aller Art (dank den Italienern), Macchiato vom Besten, Schwarzwälder Torte sowie Mars und Snickers. Saubere Strassen, begehbare Trottoirs, Strassenschilder etc, etc. Ich fühle mich wie im Schlaraffenland. Addis ist eine Stadt, die wirtschaftlich boomt. Es gibt Shopping Center und Restaurants so sauber wie in Singapur und als krasser Gegensatz dazu das Elend und die Armut direkt davor. Ein erschreckendes Bild zwar, aber es gibt der Stadt auch ein gewisses Leben. Ich schaue mir das National Museum und das Ethnologische Museum an, wo man einen sehr guten Eindruck über die Geschichte und Entwicklung Äthiopiens bekommt. Ich treffe auch auf "Lucy". Lucy ist ca. 3.1 Mio. Jahre alt und ihr Skelett wurde in Äthiopien gefunden. Wissenschaftler behaupten sie sei die älteste bis dato gefundene Vorfahrin von uns heute. Sie war 110 cm gross und hatte das Gehirn eines Schimpansen. Nachdem ich fünf Tage Addis und das Essen genossen habe, geht es weiter in Richtung kenianische Grenze. Auf dem Weg dorthin gibt es noch viel zu sehen unter anderem die Rasta People (Bob Marley) und den Hamer People Stamm (die haben in der Oberlippe eine Art Teller).

Die ersten drei Wochen in Äthiopien waren traumhaft und ich habe mich immer sehr sicher gefühlt.

So long.

Gruss aus Addis Abeba 

 

Bilder aus Äthiopien

Die Fahrt durch Äthiopien Teil 2

 

Die Route durch Äthiopien:

 

Das frischluft tour
Die Website von Günter



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